Perfekte Technik, voller Klang, echte Musik | Wirklich gut Gitarre spielen

Ob Du einen schönen, vollen Klang aus Deiner Gitarre herausholst oder einen flachen, leblosen, hängt von unglaublich vielen Faktoren ab. Diverse Einzelheiten in Sachen Körperhaltung, Fingerarbeit und inhaltlicher Herangehensweise können falsch laufen. Und dazu führen, dass Du das Gefühl bekommst, den Schritt vom fortgeschrittenen Lernenden zum lebenslang weiterlernenden, aber doch in wahren musikalischen Gefilden angekommenen Gitarristen niemals zu schaffen.

Daraus folgt aber umgekehrt zum Glück: Es gibt auch nach Jahren des Übens noch unglaublich viele Stellschrauben, von denen Du in Deinen kühnsten Träumen nichts geahnt hast. Und an denen Du drehen kannst, um Dein Spiel zu verbessern. Es ist nicht bei allen so, dass sie Dir schon immer zur Verfügung gestanden hätten und Du sie bloß übersehen hättest. Nein, manche von ihnen tun sich als Möglichkeit überhaupt erst auf, wenn Deine Fähigkeiten einen gewissen Schwellenwert überschritten haben. Muskelkraft, Beweglichkeit und Routine in den Fingern müssen erst mühsam entwickelt werden, um die Konzentration dann von den Basics auf die Details lenken zu können, die Dir Spielerlebnisse verschaffen werden, die man nicht anders als „Gitarrenhimmel“ nennen kann.

Gitarrespielen als hochkomplexe Kunst

Letztendlich kannst Du diesen Punkt nur mit einem sehr guten Gitarrenlehrer oder einer Lehrerin erreichen, der*die die Stellschrauben kennt. Und Dich immer wieder darauf aufmerksam macht, welche für Dich in diesem Moment – in diesem Lernstadium oder bezüglich dieser ganz konkreten schwierigen Stelle – die wichtigste ist. An einem anderen Tag oder bei einem anderen Stück kann es schon wieder eine ganz andere sein.

Auch das Lesen der folgenden Zeilen wird Deinen Entwicklungsprozess nicht beschleunigen. Denn das meiste wird in der Theorie trocken, völlig logisch oder ein bisschen verwirrend klingen. Und erst wirklich Sinn ergeben, wenn Du es mit Deiner eigenen Gitarre selbst erlebt hast. Aber das Lesen dieses Artikels kann zumindest die Erkenntnis in Dir reifen lassen, wie komplex die Kunst des Gitarrespielens eigentlich ist. In mir ist sie erst nach 25 Jahren als Autodidaktin, 4 Jahren Unterricht und mit dem dritten Gitarrenlehrer gereift.

Viele Menschen glauben ja, Gitarre sei ein einfach zu spielendes Instrument, wenn nicht gar das leichteste. Denn kann nicht jede*r in einer halben Stunde die wichtigsten Akkorde und ein erstes Lagerfeuerlied begleiten lernen? Ich möchte inzwischen sagen, es ist eins der schwersten. Weil beim Gitarrenspiel die rechte und linke Hand unabhängig voneinander agieren und völlig unterschiedliche Dinge tun müssen (drücken und zupfen), ist es schonmal grundsätzlich schwieriger als mit manchen anderen Instrumenten. Am Ende dieses Artikels wirst Du über 30 weitere Gründe kennen, warum die Gitarre wahrlich eine*n Meister*in braucht.

Schwierige Stellen nicht einfach nur tausend Mal üben

Um einen schönen Klang mit Deiner Gitarre zu erzeugen und echte Musik zu machen (egal ob Du gerade eine Fingerstyle Version eines Popsongs oder ein klassisches Stück übst), muss ein Stück natürlich zuerst technisch sitzen. Da ich davon ausgehe, dass Du als Leser*in fortgeschrittene*r Lernende*r bist, wirst Du das bis zu einem gewissen Punkt sicher selbst gut hinbekommen. Doch dann sind da immer noch die „schwierigen Stellen“.

Wenn Du eine bestimmte Sequenz in einem Stück nicht fehlerfrei spielen kannst, ist schnell daher gesagt: Dann übe nur diese eine Stelle immer und immer wieder. Tatsächlich ist Dir ist kein bisschen geholfen, wenn Du die schwierige Stelle, ohne darüber nachzudenken, einfach tausend Mal hintereinander spielst. Dann wirst Du sie Dir nur mitsamt der Fehler einprägen, die Du ganz sicher machst. Sonst wäre sie nicht so schwierig. Und es wird immer mühsamer werden, Dir diese Fehler nachträglich wieder abzutrainieren.

Wenn Du eine Stelle nicht fehlerfrei spielen kannst, gibt es nur einen einzigen sinnvollen Grund dafür. Du hast Dich nicht ausreichend damit auseinandergesetzt. Bevor Du die Stelle weitere tausend Mal übst, musst Du sie analysieren und verstehen. Warum fühlt sie sich so schwer für Dich an? Wo genau beginnt die ungünstige Umsetzung, die dazu führt, dass jeder weitere Schritt unnötig kompliziert wird und schon bald gar nichts mehr funktioniert? Wie lässt sich die Stelle in lauter kleinste, gut zu bewältigende Einzelteile zerlegen? Und dann wieder zu einem sauberen großen Ganzen zusammensetzen? Folgende Hinweise können Dir helfen, das herauszufinden.

Ist der Fingersatz ideal?

Überprüfe zunächst, ob Du wirklich schon den bestmöglichen Fingersatz für diese Stelle herausgefunden hast. Auf der Gitarre kann man jede Melodiesequenz und jeden Akkord an mehreren verschiedenen Stellen auf dem Griffbrett spielen. Der erstbeste Fingersatz, der Dir beim Lesen der Noten einfällt, wird meist ein Fingersatz am äußeren Ende des Griffbretts sein, dort, wo man auch die ersten Akkorde auf der Gitarre zu spielen lernt. Um sich die Melodie schnell einzuprägen, kann er erstmal sehr nützlich sein. Aber der erstbeste wird meist nicht der bestmögliche Fingersatz sein.

Auch wenn Du nicht die Noten liest, sondern Dir eine Tabulatur aus dem Internet heruntergeladen hast, in der jemand anders bereits einen Fingersatz für Dich notiert hat, muss das nicht notwendigerweise die bestmögliche Umsetzung sein. Probiere also verschiedene Bereiche auf dem Griffbrett für Deinen Fingersatz aus. Schaue Dir verschiedene Videoaufnahmen Deines Stücks auf Youtube an und versuche herauszufinden, ob die Spieler*innen bestimmte Stellen auf unterschiedliche Weise greifen. Und dann finde die beste Lösung für Dich.

Kein Zufall, kein Bauchgefühl

Absolut nichts an einem guten Fingersatz geschieht zufällig. Jede Position hat ihren tieferen Sinn und wurde aus guten Gründen gewählt. Das gilt nicht nur für die Lage, in der Du eine bestimmte Melodie spielst, sondern auch für den konkreten Finger, den Du für jeden konkreten Ton verwendest. Solltest Du ihn besser mit dem Ringfinger oder dem kleinen Finger der linken Hand greifen? Die Antwort sollte nicht Dein Bauchgefühl oder der Zufall liefern, sondern eine messerscharfe Analyse des Notenblatts und ein nüchterner Vergleich verschiedener Spielweisen.

Es gibt nicht den einzig richtigen Fingersatz, der für jede*n passt. Es gibt ungünstige und günstigere Varianten. Oft aber auch zwei, die beide Sinn ergeben und gespielt werden können. Meist haben sie unterschiedliche Vor- und Nachteile. Zum Beispiel: Bei Variante 1 klingt der Melodieton länger nach und erlaubt ein schönes Legato zum nächsten Melodieton. Sie ist aber schwieriger. Vielleicht steht sie dir mit Deinen Fähigkeiten noch nicht zur Verfügung, weil Du die Fingerspreizung noch nicht ausführlich genug trainiert hast.

Bei Variante 2 ist das vorausschauende Umgreifen einfacher und die Wahrscheinlichkeit, dass Du die Stelle sauber gegriffen kriegst, größer. Aber die Melodie leidet ein bisschen. Nun musst Du entscheiden: Was ist Dir wichtiger? Wie weit bist Du mit dem Studium des Instruments, traust Du Dir die schwierigere Variante schon zu, beziehungsweise hast Du genug Motivation, sie Dir als Ziel zu setzen?

Sitzt jeder einzelne Übergang zwischen zwei Noten?

Übe die schwierige Stelle nicht am Stück, und sei sie auch nur zwei Takte lang. Stattdessen übe jeden einzelnen Übergang zwischen zwei Noten separat, bis er sitzt. Also den Übergang von Note 1 zu Note 2, von Note 2 zu Note 3, von Note 3 zu Note 4. Setze die Finger bei jedem einzelnen Griffwechsel langsam und bewusst auf und prüfe, ob sie richtig gelandet sind. Schlage, bevor Du die notierte Melodie spielst, zunächst jede Saite einzeln an: Klingt jede Saite klar? Fühlt sich der Griff stabil an? Bildet er eine gute Ausgangsposition, um den nächsten notwendigen Griff ohne große Handbewegungen zu erreichen?

Wenn auch nur eine der drei Fragen mit nein beantwortet werden muss, sind die Finger falsch gesetzt. Und wenn die Finger beim Umgreifen von Note 1 zu Note 2 ungenau landen, wird das Umgreifen von Note 2 zu Note 3 schon schwieriger als nötig werden und spätestens das Umgreifen von Note 3 zu Note 4 völlig schiefgehen.

Nur wenn Dir für jeden einzelnen Notenwert überhaupt bewusst ist, wie die Finger perfekt landen müssten, um die richtige Melodie, einen guten Klang und die bestmögliche Ausgangsposition für die nächste Sequenz zu erreichen, besteht eine Chance, dass sie irgendwann auch tatsächlich perfekt landen! Und zwar in jeder einzelnen Position.

Spielst Du vorausschauend?

Es ist zwingend notwendig, vorausschauend zu spielen und nicht nur die unmittelbar bevorstehenden, sondern auch die übernächsten Töne beim Greifen mitzudenken und vorzubereiten. Die linke Hand setzt so viele Finger wie möglich aus der folgenden Sequenz bereits zu Beginn der Sequenz auf.

Wenn man erstmal beginnt, das vorausschauende Spiel mitzudenken, ist da erstaunlich viel möglich! Und die Vorteile sind bestechend. Du sparst Zeit beim Umgreifen. Du gliederst den Takt in Einzelpakete, die sich gut auswendig lernen lassen. Anstatt bei jeder einzelnen Note wieder vor der großen Frage zu stehen, wie Du sie am besten anpackst. Und Dein Klang wird beim vorausschauenden Spiel viel ebenmäßiger und „mehr Legato“ sein.

Bei einem guten Fingersatz gibt es tatsächlich nur sehr wenige Stellen, wo ein radikales Umgreifen von einer zu einer völlig anderen Position notwendig ist, weil es sich einfach nicht anders lösen lässt. Meist gibt es dagegen einen „Leitfinger“, der nur auf derselben Saite verrutschen muss und die anderen Finger mitführen kann, oder zwei Finger, die auf derselben Saite gleichzeitig gesetzt werden können, damit mehr Stabilität und beim Entfernen des einen Fingers ein schönes Legato zum nächsten Melodieton entsteht.

Kontrollierte, fast zärtliche Bewegungen

Freie Finger schweben nicht irgendwo in der Luft herum oder stehen abgespreizt in alle Himmelsrichtungen. Sondern sie bewegen sich kontrolliert bereits in die Richtung, in der sie später benötigt werden. Auch wenn die Position im Moment noch nicht final erreicht werden kann. Beim Umgreifen entfernen sich die Finger nie weit von den Saiten. Sondern sie bleiben stets in Spürnähe (ohne aber ständig Glissandi zu verursachen). Ideale Fingerbewegungen der linken Hand sind klein, kontrolliert, präzise, ruhig. Ja, fast zärtlich.

Aber auch die rechte Hand spielt vorausschauend. Das bedeutet, dass auch hier die Finger, die erst für die nächsten und übernächsten Notenwerte benötigt werden, bereits auf die Saiten gelegt werden. Auf diese Weise musst Du nicht bei jedem einzelnen Ton darüber nachdenken, welcher Zupffinger als nächstes dran ist, sondern kannst Dir das in Grüppchen von zwei, normalerweise drei oder manchmal auch vier Notenwerten einprägen. Die Klangfarbe der einzelnen Töne wird ähnlicher werden, wenn Dein Finger nicht jedes Mal aus der Luft auf die nächste Saite stößt, sondern schon vorbereitet dort liegt.

Hast Du schon probiert, im wahrsten Sinne des Wortes mit der Gitarre zu „spielen“?

Wenn eine schwierige Stelle trotz sorgfältiger Kleinarbeit schwierig bleibt, ist es an der Zeit, locker zu werden und sich darauf zu besinnen, dass Gitarrespielen Spaß machen soll. Es heißt nicht umsonst „spielen“, und gleich bekommt das Verb „spielen“ nochmal eine ganz neue Bedeutung.

Schwierigen Stellen lässt sich nämlich ihr Schrecken nehmen, indem man mit ihnen herumspielt. Probiere langsam versus schnell, Legato versus Stakkato. Punktiert versus originale Notenwerte, humorvoll versus pathetisch und so weiter und so fort. Bei einem klassischen Stück, das eigentlich keine Vocals hat, kannst Du Dir einen Liedtext ausdenken, der auf die Melodie passt, und ihn beim Spielen mitsingen. Irgendwann konzentrierst Du Dich vor lauter Spielerei nicht mehr auf die komplizierten Griffe. Und dann löst sich vielleicht der Knoten.

Hast Du genug Geduld gehabt?

Solange sich die Fingerbewegungen bei einer schwierigen Stelle nicht völlig natürlich und letztendlich kinderleicht anfühlen, bist Du technisch nicht am Ziel. Das hast Du erst erreicht, wenn Dein innerer Widerstand gegen die Stelle sich aufgelöst hat. Und wenn Du gar nicht mehr weißt, was eigentlich die ganze Zeit das große Problem war. Wahrscheinlich kannst Du die Stelle inzwischen auswendig, wenn nicht gar im Schlaf. Allerdings ist es wichtig, dabei den Zeitfaktor einzukalkulieren und nicht zu früh auf Erfolg zu hoffen.

Bis sich Automatismen in den Fingern entwickelt haben, dauert es. Es wird nichts nutzen, eine Übungssession trotzig immer weiter auszudehnen. Und dieselbe Stelle zum tausendundersten Mal zu spielen, in der Hoffnung, dass noch an diesem Abend der große Durchbruch kommt. Mache morgen weiter und übermorgen. Bleibe sorgfältig in der Umsetzung und „huddele“ nicht. Dann gibt es eine Garantie (!), dass Du die Stelle in naher Zukunft beherrschen wirst.

Kehre mit einigem Abstand zu einem Stück zurück

Je mehr Du übst, desto kürzer werden die Zeitspannen, die notwendig sind, bis sich ein Automatismus entwickelt. Das ist erstmal keine Überraschung. Überraschend oder sogar enttäuschend ist allerdings die Erkenntnis, dass es zwar mit zunehmenden Fähigkeiten einfacher ist, neue Stücke einzustudieren und mit ihnen eine bessere Qualität zu erreichen als mit früheren Übungsstücken. Dass man dadurch aber nicht automatisch alle älteren Stücke, die schon länger im Repertoire sind, besser spielen kann.

Jeder Gitarrenspieler hat diese vielen Stücke in der Schublade, die er bis zu einem gewissen Grad beherrscht, aber eben einfach nicht perfekt. Wenn Du mit weiterentwickelten Fähigkeiten zu einem dieser Stücke zurückkehrst, und das solltest Du unbedingt tun, werden Deine Finger sofort wieder in alte Muster verfallen. Ungünstige Automatismen zu diesem Stück haben sich fest eingeprägt. Wenn Du Deine Fähigkeiten auch für dieses Stück auf ein neues Level heben möchtest, hilft es nichts, und Du musst es im Grunde noch einmal von vorne lernen. Fingersätze überprüfen, schwierige Stellen analysieren, ungünstige Automatismen durch bessere ersetzen. Alles, was wir bisher schon besprochen haben.

Kleinigkeiten gehen leichter von der Hand

Besserwerden ist ein allmählicher Prozess. Du wirst nicht eines Morgens aufwachen und perfekt Gitarre spielen. Stattdessen wirst Du Plateaus von mehreren Wochen oder Monaten erleben, bei denen sich gefühlt gar nichts tut. Bis dann ein Tag kommt, an dem Du überrascht merkst, dass Dir irgendeine Kleinigkeit leichter von der Hand geht als zuvor. Und zwar nicht nur ein einziges, zufälliges Mal, sondern immer öfter. Je mehr Du Dich mit den einzelnen Faktoren auseinandersetzt, die gutes Gitarrenspiel ausmachen, umso deutlicher werden Dir Deine Fortschritte auffallen. Und damit sind wir beim nächsten Kapitel und eigentlichen Thema dieses Textes angelangt – beim Klang.

Es will einfach nicht wirklich schön klingen

Die richtigen Töne zu treffen, ist die erste Herausforderung beim Üben eines neuen Stückes, doch die richtigen Töne so zu treffen, dass sie gut klingen, ist nochmal eine ganz andere Aufgabe. Wenn ein einzelner Ton oder eine Reihe von Tönen sich nicht schön anhört, kann das unglaublich viele Gründe haben. Sie sind in Deiner Handarbeit, Deiner Körperhaltung oder Deiner inhaltlichen Herangehensweise zu finden.

Es gibt so viel falsch zu machen, dass es beinahe unmöglich ist, ohne gute*n Gitarrenlehrer*in während des Spielens alle Punkte im Kopf zu behalten und eigenständig zu korrigieren. Ein Spiegel oder eine Videoaufnahme können beim Selbststudium zumindest eine kleine Hilfe sein. Und die grundsätzliche Erkenntnis, dass es überhaupt so etwas wie einen wunderschönen Klang als erstrebenswertes Ziel gibt, dass es nach dem fingertechnischen Durchmarsch noch viel, viel weitergeht auf dem Weg zum perfekten Gitarrenspiel, muss natürlich vorab eingeschlagen haben.

Grundsätzliche Dinge

Wenn Dein Gitarrenspiel insgesamt nicht schön klingt, stelle Dir folgende Fragen:

  1. Vielleicht hast Du Dir eine falsche Grundhaltung angewöhnt wie so viele Autodidakten auf Youtube – auch solche, die ziemlich schwierige Sachen spielen können oder sogar ziemlich berühmt sind? Trotz falscher Grundhaltung kann man mit der Gitarre erstmal recht weit kommen. Aber genauso sicher kommt der Punkt, an dem sie das Besserwerden unmöglich macht. Und wo „back to the roots“ der einzige Weg nach vorne ist.
  2. Vielleicht liegt Deine Gitarre lässig auf dem rechten Oberschenkel, weil das die typische Lagerfeuer-Gitarrenhaltung ist. Aber Du weißt gar nicht, dass die so genannte „klassische Gitarrenhaltung“ mit aufgerichtetem Gitarrenhals es viel einfacher macht zu spielen und bis zu einem weit fortgeschrittenen Stadium die beste Übungshaltung ist. Auch wenn man damit etwas nerdiger aussieht. Probiere es wenigstens einmal aus! Erfolgserlebnisse steigern die Motivation und Du wirst schneller besser. Das gilt auch für den nächsten Punkt:
  3. Vielleicht hast Du eine Westerngitarre statt einer klassischen Gitarre, weil das einfach cooler ist, und weißt nicht, dass es sich auf einer klassischen Gitarre leichter lernt und Du damit schneller fit sein wirst (dann auch wieder für einen Wechsel zurück zur Westerngitarre).

Fehler der linken Hand

Wenn Du das Gefühl hast, Dein Gitarrensound könnte schöner klingen, finde zunächst heraus, welcher Ton es genau ist, der Dir nicht gefällt, überprüfe dann für jeden einzelnen dieser unschönen Töne folgende Punkte bezüglich der linken Hand:

  1. Drückst Du fest genug mit den Fingern der linken Hand auf die Saiten? Je fester Du drückst, desto voller der Klang.
  2. Hebst Du den Finger auch nicht zu früh von der Saite, sodass sie zu früh aufhören würde zu klingen? Das passiert besonders bei Basstönen leicht, die den ganzen Takt untermalen sollen. Oder bei Melodietönen, die über den Takt hinaus weiterklingen sollen. Lasse jeden Finger so lange wie möglich liegen – bis er unbedingt anderswo gebraucht wird.
  3. Triffst Du die Saiten mit den Fingern der linken Hand im richtigen Winkel? Tendenziell setzen der Mittelfinger und der Ringfinger eher senkrecht auf, während der Zeigefinger nach links kippt und seitlich aufsetzt und der Ringfinger nach rechts kippt und seitlich aufsetzt.
  4. Achtest Du darauf, die Saiten nicht zu verreißen, sie also nicht nach oben oder unten zu ziehen oder zu schieben? Die Saiten werden – außer bei bewusst eingesetzten Methoden wie dem Bending – direkt von oben gedrückt und in ihrer Position kontrolliert. Der Abstand zwischen allen Saiten muss immer gleich bleiben.

Weitere Fehler der linken Hand

  1. Sitzt der linke Daumen an der idealen Stelle für diesen ganz konkreten Griff? Häufig achtet man nur auf die vier Finger, die das Griffbrett von vorne bedienen und behandelt den Daumen allzu stiefmütterlich. Dadurch wird er faul, bewegt sich zu wenig. Sitzt ständig zu tief oder zu hoch, zu weit rechts oder links und hinkt irgendwie hinterher. Letztendlich ist die richtige Daumenarbeit schlichte Physik. Auf der Vorderseite des Griffbretts gibt es in jeder Position einen bestimmten Finger, der am meisten Druck von allen aufbauen muss. Und dafür braucht er den Gegendruck des Daumens an genau dem Punkt, an dem physikalisch der Gegendruck am besten aufgebaut werden kann. Das kann, zum Beispiel bei halben Barrés, direkt gegenüber sein, es kann aber auch, zum Beispiel bei Pull-offs mit dem Ringfinger in eher höheren Tonlagen, viel weiter links sein als Du denkst.
  2. Lässt Du genug Platz zwischen Hand und Griffbrett, um maximal beweglich zu bleiben? Die zupackende linke Hand, die den Gitarrenhals so eng fasst, dass der Handteller ihn direkt berührt und der Daumen weit übersteht, kennt man zum Beispiel von E-Gitarristen. Zuträglich für das klangvolle Fingerstyle oder klassische Gitarrenspiel ist sie nicht.
  3. Greift Deine linke Hand direkt von unten und parallel zum Griffbrett? Allzu leicht knickt das Handgelenk nach links oder rechts weg. Bei jedem Positionswechsel besteht erneut die Gefahr, mit der Hand zu kippen. Dadurch sind bei den darauffolgenden Positionswechseln immer größere Bewegungen notwendig, die schnell nicht mehr rechtzeitig zu schaffen sind. Also immer schön parallel bleiben und wie auf einer geraden Schiene am Rand des Griffbretts entlangfahren. Im Zweifelsfall müssen sich die Finger zugunsten des stabilen Handgelenks mehr spreizen und strecken.

Fehler der linken Hand, Teil III

  1. Lässt Du Deinen linken Ellbogen locker, aber eng an der Seite Deines Brustkorbs hängen, anstatt ihn anzuspannen oder nach links oben abzuwinkeln? Je weiter in Richtung Klangkörper der Gitarre / höhere Tonlagen Du greifst, umso wichtiger ist es, den linken Ellbogen eng am Körper zu positionieren, um die Finger richtig setzen zu können. Wenn Du weiter links / in tieferen Tonlagen greifst, bewegt sich der Ellbogen immer nur in einer Linie mit der Hand mit, nie darüber hinaus. Beim verkrampften Greifen einer schwierigen Stelle oder beim Positionswechsel von höheren zu tieferen Tonlagen ist meist das erste, was passiert, dass Du Deine Schulter nach oben ziehst oder den Ellbogen nach links oben abwinkelst. Und das ist nie die Lösung!
  2. Schaust Du bei Griffwechseln mit großen Sprüngen an die richtige Stelle auf dem Griffbrett? Schaue konzentriert auf die Stelle, auf der der am weitesten rechts platzierte Finger landen soll – dann wird er auch dort landen, und die anderen Finger werden sich wie von selbst fügen.
  3. Verschwendest Du Deine Energie auch nicht an einer falschen Stelle? Ein verkrampftes Handgelenk oder eine verkrampfte Schulter führen nicht nur zu einem steifen, schmerzenden Nacken. Sie verringern auch die Menge an Energie, die dort ankommt, wo sie notwendig ist, nämlich in den Fingern. Selbst wenn die Energie grundsätzlich richtig in die Finger fließt, kann sie immer noch an der falschen Stelle landen. Beispielsweise in einem Finger, der gar nicht für den Hauptmelodieton verantwortlich ist und gar nicht den lautesten Klang produzieren muss. Oder in dem Finger, der einen Pull-off durchführt, anstatt in dem Finger, der nach dem Pull-off auf dem Griffbrett stehenbleibt. Beim Barrégriff ist es meist gar nicht notwendig, alle Saiten gleich kräftig herunterzudrücken, sondern die Energie ist besser zum Beispiel nur auf den oberen, nur auf den unteren oder nur auf den beiden äußeren Saiten aufgehoben.

Fehler der rechten Hand

Wenn Du sichergestellt hast, dass Deine linke Hand alles richtig macht, Dein Ton aber immer noch nicht gut klingt, kann auch die rechte Hand schuld sein. Konzentriere Dich nun auf folgende Fehlerquellen:

  1. Haben Deine Finger wirklich soliden Kontakt zu den Saiten? Oder berühren sie sie zu vorsichtig und oberflächlich?
  2. Ist die Haut Deiner Fingerspitzen auch nicht zu trocken? Um einen guten Kontakt zu den Saiten zu bekommen und zu halten, braucht es ein wenig Fett. Jeder Profi schwört auf eine andere Art von Creme, Balsam oder Vaseline. Aber Achtung, der Effekt ist so stark, dass er süchtig machen kann! Nutze diesen wichtigen Trick für einen schöneren Klang, übe aber immer auch mit trockenen Fingern. Denn wenn Du unerwartet eine Gitarre zur Hand nimmst und Deine Creme nicht dabei hast, möchtest Du sie ja trotzdem gut bedienen können.
  3. Drückst Du mit den Fingern der rechten Hand die Saiten (tief genug) herunter, bevor Du sie zupfst?
  4. Drückst Du die Saite, die den Hauptmelodieton produziert, sowie die Basssaite des Akkords, mit den Fingern der rechten Hand am stärksten herunter, anstatt auf alle Saiten gleichviel Druck auszuüben?
  5. Wenn eine Basssaite und eine Melodiesaite auf demselben Notenwert angeschlagen werden sollen, zupfst Du sie wirklich exakt gleichzeitig?
  6. Triffst Du die Saiten mit den Fingern der rechten Hand mit der richtigen Stelle an der Fingerkuppe? Ein halber Millimeter kann hier den Unterschied zwischen einem durchschnittlichen und einem fantastischen Klang machen. Es ist viel, viel Zeit und Ausprobieren notwendig, um für jeden Finger die richtige Stelle an der Kuppe überhaupt erstmal zu finden und die Finger dann so zu trainieren, dass die Saiten diese Stelle auch zuverlässig treffen! Auf den Daumen trifft die Saite übrigens idealerweise nicht mittig, sondern eher im seinem unteren Drittel.
  7. Ist Deine rechte Hand insgesamt und jeder einzelne Finger im richtigen Winkel zu den Saiten ausgerichtet? Der richtige Winkel kann variieren, je nachdem, was man spielt. Manchmal ist eine eher halbrunde Position der rechten Hand, manchmal ein 90-Grad-Winkel sinnvoll. Beim „Bürsten“ mehrerer hoher Saiten gleichzeitig liegen die Finger parallel zueinander und eher schräg an. Beim Zupfen einzelner Seiten bewegen sich Daumen und Ringfinger eher von außen nach innen (aufeinander zu), Zeige- und Mittelfinger eher in einer Linie mit dem Arm. Die Finger müssen also für einen optimalen Klang in unterschiedliche Richtungen zupfen!

Weitere Fehler der rechten Hand

  1. Rupfst Du auch nicht zu aggressiv an den Saiten, sondern zupfst sie zwar kraftvoll, aber elegant?
  2. Holst Du die Kraft für die Bewegungen der Finger der rechten Hand aus dem Fingergelenk, das direkt an die Hand anschließt, anstatt fälschlicherweise aus dem Mittelknöchel? Bewege den ganzen Finger und nicht nur die Spitzen! Führe die Zupfbewegung bis zum Ende aus. Das heißt zum Beispiel für Zeige- und Mittelfinger so weit wie möglich Richtung Handteller.
  3. Holen die Finger der rechten Hand beim Zupfen auch nicht zu weit aus? Der Abstand zur nächsten Saite ist kürzer als man denkt. Sehr kleine Bewegungen reichen darum aus, um sie zu erwischen. Beziehungsweise sind sie sogar zwingend notwendig, um sie für den guten Klang mit der richtigen Stelle an der Fingerkuppe zu treffen. Je weiter sich die Finger von den Saiten entfernen, desto mehr Energie verschwendest Du in der Luft. Und desto mehr Zeit brauchst Du, um sie vor dem nächsten Zupfen wieder neu zu sortieren. Eine Übung, die Dir hilft, Deine Zupfbewegungen zu verkleinern (ohne dabei oberflächlich zu werden und an Kraft zu verlieren) ist folgende. Stecke den Mittelfinger ein kleines Stück zwischen zwei Saiten. Berühre zunächst die tiefere Saite mit der Fingerunterseite und dann die höhere Saite mit dem Fingernagel. Nun bewege Deinen Finger langsam an der höheren Saite aufwärts, sodass der Kontakt zwischen Fingernagel und Saite nicht verloren geht – bis die Fingerkuppe oben auf der Saite angekommen ist und sie schließlich zupft. Du siehst nun, wie klein die ausreichende Bewegung nur ist.
  4. Zupfen die Finger der rechten Hand in einem regelmäßigen, abwechselnden Rhythmus, anstatt unkontrolliert durcheinander zu geraten? An Stellen, an denen ein regelmäßiger abwechselnder Zupfrhythmus nicht möglich ist, solltest Du Dich auf eine Variante festlegen und dabei bleiben – und nicht jedes Mal anders zupfen.

Fehler der rechten Hand, Teil III

  1. Sind Deine Fingernägel auch nicht zu lang, zu kantig oder unsauber gefeilt? Wenn die Saite nicht sanft darüber gleiten kann, wird sie nicht klingen.
  2. Setzt Du Deine Fingernägel auch nicht zu viel ein? Ein*e gute*r (klassisch ausgebildete*r) Gitarrist*in braucht seine Fingernägel nicht für einen vollen Klang. Den erzeugt er*sie mit der Fingerkuppe. Der Fingernagel dient höchstens als Ergänzung. Wer mit weniger Fingernageleinsatz gut spielen kann, hat es später auch bei Audioaufnahmen leichter – sie hören sich ohne das Kratzen der Nägel viel besser an und es muss dann nicht mit aufwändigen technischen Effekten entfernt werden.
  3. Bildet das rechte Handgelenk eine Linie mit dem Arm und bricht nicht nach links oder rechts weg?
  4. Hast Du den optimalen Winkel für den Knick im Handgelenk gefunden? Die Finger Deiner rechte Hand sollten weder zu senkrecht (von oben), noch zu flach (von der Seite her) auf die Saiten treffen. Der perfekte Winkel verändert sich aber je nachdem, welche Saiten gezupft werden. Er ist flacher, wenn nahe beisammen liegende Saiten gezupft werden und höher, wenn weiter auseinander liegende Saiten gezupft werden.
  5. Ist Deine rechte Schulter entspannt und nicht nach vorne gebeugt?

Die Körperhaltung insgesamt

Es fasziniert mich jedes Mal, welchen Effekt eine Veränderung der allgemeinen Körperhaltung auf den Klang eines einzelnen Tons haben kann. Obwohl die Veränderung weit weg vom eigentlichen Ort des Geschehens durchgeführt wird.

  1. Vielleicht kippst Du die Gitarre zu sehr zu Dir hin, sodass Du von oben draufschauen kannst, was Deine Finger machen, anstatt sie aufrecht nach vorne gerichtet zu halten und höchstens von oben auf die Seitenkante des Griffbretts und Klangkörpers zu schauen, um ungefähr abzuschätzen, wo Du gerade spielst?
  2. Vielleicht sitzt Du nicht aufrecht genug? Eine durchgedrückte Brust, Gitarrenkontakt am Brustbein, am rechten Unterarm und am Griffbrett sind notwendig.
  3. Vielleicht übst Du nicht an Deinem gewöhnten Übungsplatz zu Hause oder in der Musikschule, sondern sitzt diesmal in einem Hotelzimmer, auf einem Bett, benutzt einen anderen Stuhl von anderer Höhe, und hast die perfekte Haltung für diese neuen Gegebenheiten noch nicht gefunden? Nimm Dir Zeit, Dich richtig zu platzieren, bevor Du anfängst zu spielen. Übe durchaus bewusst mal an einem anderen Platz als normalerweise, damit Du flexibler wirst und verstehst, was eine Position, in der Du gut spielen kannst und einen guten Klang erzeugst, eigentlich ausmacht. Das wird Dir später auf einer Bühne helfen, sie Dir schnell zueigen zu machen.

Weitere Hinweise zur Körperhaltung

  1. Vielleicht vergisst Du, regelmäßig zu atmen? Beginne ein Stück immer ins Ausatmen hinein. Wenn die Energie in Dir nicht ohne Blockaden fließt, kann sie auch nicht durch das Instrument fließen.
  2. Vielleicht kennst Du die Eigenheiten Deiner (neuen) Gitarre noch nicht gut genug? Jede Gitarre spielt sich anders, ganz besonders im Detail. Auf meiner Cordoba mit ihrem schmaleren Griffbrett sind Barrégriffe zum Beispiel einfacher zu greifen, dafür können Pull-offs auf der hohen E-Saite einen in den Wahnsinn treiben und müssen noch viel präziser als auf anderen Gitarren gesetzt werden. Es gibt (teure) Gitarren, die klingen einfach wunderschön, und es scheint beinahe egal zu sein, wie man sie anfasst. Und es gibt Gitarren (und das sind nicht nur die billigsten), bei denen man mehr Arbeit leisten muss, um den perfekten Klang zu erzeugen. Bevor Du noch kein Profi bist, wird Deine Gitarre vermutlich zur zweiten Kategorie gehören. Das macht aber nichts, beziehungsweise es ist sogar besser für Deine Entwicklung. Je besser Du auch auf widerspenstigen Instrumenten spielen kannst, umso entspannter kannst Du später mit einem guten Instrument sein.

Alles auf einmal richtig machen

Alles in allem sind wir nun auf über 30 Gründe gekommen, die dahinterstecken können, wenn Dein Ton nicht gut klingt. Über 30 Punkte, auf die Du als gute*r Gitarrenspieler*in bei jedem einzelnen Notenwert achten musst. Über 30 Stellschrauben, an denen Du drehen kannst, um besser zu werden. Und es sind in Wirklichkeit bestimmt noch mehr.

In all diesen über 30 Details können Dir auch Jahre nach Beginn des angeleiteten Gitarrespielens noch Fehler passieren. Das sind keine Anfängerprobleme, sondern Dinge, die sich immer wieder einschleichen, gerade beim angestrengten Üben einer schwierigen Stelle oder eines neuen Stücks, und immer wieder beobachtet und korrigiert werden müssen. Kaum ist der eine Fehler für den Moment ausgemerzt, vergisst der Körper an anderer Stelle die richtige Haltung oder Bewegung.

Langsam fügt sich alles zusammen

Es ist selbst für Fortgeschrittene kaum möglich, selbstständig gleichzeitig auf alles zu achten. Ein*e gute*r Gitarrenlehrer*in wird Dir niemals alle 30 Punkte gleichzeitig zu beachten auftragen, das würde Dich nur überfordern. Man kann sich nur nacheinander auf das eine oder andere Detail konzentrieren und langsam daran arbeiten, dass sich alles zu einem großen Ganzen zusammenfügt.

Wichtig ist dabei auch, die oben aufgelisteten Punkte nicht einfach nur abzuarbeiten, sondern sich ständig vor Augen zu führen, warum Du etwas tust. Nur so kann es Dir wirklich in Fleisch und Blut übergehen. „Ich drücke die Saite tiefer herunter, weil der Klang dadurch voller wird. Weil der Ton sonst schief klingt, verziehe ich die Saite nicht. Ich wähle diesen Finger und nicht den anderen für diesen Griff, weil ich dann leichter zur nachfolgenden Position übergehen kann.“

Musikalisches Verständnis und Musiktheorie helfen, besser zu spielen

Es gibt noch ein Thema, das beim Erzeugen des bestmöglichen Klangs zumindest angerissen werden muss. Und das ist das musikalische Verständnis. Wenn Du Dich mit den Themen Musikkomposition und Musiktheorie beschäftigst, wirst Du ein Stück nochmal auf einem ganz anderen Level verstehen.

Welches sind die Melodietöne, die am vollsten und schönsten klingen sollten, und welches nur Begleittöne, die einen leiseren Klang und eine andere Stimmfarbe vertragen? Welches sind die Basstöne, die besonders regelmäßig und gleichmäßig klingen müssen, weil sie für den Rhythmus verantwortlich sind? Wo beginnt und endet eine musikalische Sequenz, die zusammenhängend gespielt werden sollte?

Sortiere das Wirrwarr aus Noten, anstatt alle gleich zu behandeln und von Taktstrich zu Taktstrich zu denken, und das Stück bekommt gleich eine andere Dynamik und dadurch auch einen schöneren Klang.

Den Fokus umlenken, um dem perfekten Klang näher zu kommen

Auch wenn Du Dich mit musiktheoretischen Inhalten wie der Stufentheorie auskennst, wirst Du harmonische Zusammenhänge in Deinem Stück erkennen, seinen logischen Aufbau, Wendepunkte und kunstvolle Abweichungen von der Norm, die Dir helfen, es schöner zu spielen. Welche Hinweise zur Artikulation hat außerdem der*die Komponist*in auf dem Notenblatt notiert (sforzando, rallantando, ..) und was bedeuten sie für Deine Interpretation? Es hilft, ab und zu den Fokus vom reinen Greifen der Finger weg und zu anderen wichtigen musikalischen Faktoren hin zu lenken, um sich nicht im sturen Kampf mit der Technik zu verheddern.

Glück und Verzweiflung liegen nahe beieinander

Inzwischen sollte klar geworden sein: Schön Gitarre zu spielen, ist wirklich schwer, manchmal zum Verzweifeln schwer. Andererseits gibt es da auch diese unerwartete Glücksmomente: Völlig überraschend klingen die Töne plötzlich unglaublich viel besser, nachdem man etwas korrigiert hat, das auf den ersten Blick gar nichts konkret damit zu tun hat.

Du lässt den linken Ellbogen lockerer hängen, weil Dich Dein*e Gitarrenlehrer*in darauf aufmerksam gemacht hat, dass er zu weit nach oben steht. Dadurch fällt es Dir plötzlich leichter, einen halben Barrégriff auf den drei hohen Saiten richtig zu setzen, und die Töne kommen zum ersten Mal glasklar!

Oder Dir klappt Dein Fußbänkchen zusammen, weil Du aus Versehen dagegengetreten hast, Du stellst es wieder auf, erwischst dabei zufällig eine andere Höheneinstellung oder eine andere Fußposition, Du beginnst wieder zu spielen und Deine Töne klingen auf einmal viel sauberer als vorher!

Momente der Klang-Perfektion memorieren

Wenn ein solcher Moment eintritt, halte sofort inne. Bewege Dich nicht, verändere nichts an Deiner Haltung und lasse Dich durch nichts ablenken. Konzentriere Dich. Spiele dieselbe Stelle nochmal. Klingt sie wieder genauso schön? Spiele sie nochmal. Dann frage Dich: Was habe ich anders gemacht als sonst?

Falls Du die Antwort herausfindest, merke Dir, was es war, und versuche, es ab sofort immer so zu machen. Wenn Du es nicht herausfindest, versuche trotzdem, Dir den Moment so gut es geht und in allen Einzelheiten einzuprägen: Deine Körperhaltung, Deine Fingerposition der linken und der rechten Hand, alle weiteren Gegebenheiten. Verweile noch drei bewusste Atemzüge darin.

Danke, lieber Gitarrengott, für diesen wunderschönen Klang!

Währenddessen bedanke Dich beim Gitarrengott (oder beim Universum). „Lieber Gitarrengott! Danke, dass Du mir nach all den mühevollen Übungsstunden diesen Moment des Fortschritts oder gar der Perfektion geschenkt hast! Danke, dass Du mich erleben lässt, dass ich imstande bin, einen solchen Ton aus diesem widerspenstigen Instrument hervorzuzaubern! Das macht mich zuversichtlich, dass ich es vielleicht irgendeines Tages doch noch beherrschen werde. Und es macht mich einfach glücklich! Vielen Dank!“

Sage es am besten laut. Es ist so wichtig als Gegenpol zu all den Malen, wo Du vor Dich hingeflucht hast, dass Du einfach zu blöd zum Gitarrespielen bist und es nie richtig lernen wirst. Auch die Wirkungsweise der Selbstaffirmation bzw. positiven Selbstbekräftigung kann für Fortschritt sorgen!

Und wenn Du zum nächsten Schritt, dem mentalen Training übergehst (siehe weiter unten), kehre in Gedanken immer wieder zu solchen Erfolgsmomenten zurück. Wenn heute leider ein Tag ist, an dem sie nicht eintreten mögen, stelle Dir immer wieder die Frage: Beherzige ich alle oben aufgelisteten Regeln für einen guten Klang oder gibt es etwas, worauf ich im Moment noch nicht achte? Ein*e gute*r Gitarrenlehrer*in wird auch nach der xten Stunde der Beschäftigung mit demselben Stück immer noch einen neuen Tipp für Dich haben, was Du anders machen oder versuchen kannst, um eine bestimmte Stelle zu meistern.

Von der perfekten Technik über einen schönen Klang zur echten Musik

Wenn Du ein Stück nun nach einigen Wochen beherrschst und es sich sogar schon richtig schön anhört, weil Du nicht nur an der Technik, sondern auch am Klang gearbeitet hast, machst Du immer noch keine echte Musik. Nun musst Du daran arbeiten, das Stück zu fühlen und es fließen zu lassen.

Stelle Dir in Deinen Gedanken genau vor, wie es klingen soll und wie alles zu einem großen Ganzen verschmilzt. Male Dir den perfekten Klang jeder einzelnen Note aus und lasse die Vorstellung dann fliegen. Erinnere Dich daran, wie sich der beste Klang angehört hat, den Du für dieses Stück während Deiner Übungssessions je erzeugt hast.

Welche Tipps hat Dein*e Gitarrenlehrer*in noch dazu gegeben, wie es klingen soll? Überlege Dir auch unabhängig von einzelnen Tönen, eher übergreifend, woran Dich das Stück oder auch nur die eine oder andere Stelle daraus erinnert. An tanzende Ballerinas? Die fliegende Feder aus der Anfangsszene von „Forrest Gump“? An einen erhabenen Dampfer in den rauen Wellen des Ozeans?

Stelle Dir vor, dass Du diese bildliche Szene mit Deinem Gitarrenspiel untermalst. Dieses mentale Training wird Deinem Körper helfen, die richtigen Fingerbewegungen durchzuführen. Damit der Ton, den Du produzierst, genauso herauskommt wie Du es möchtest.

Die Verbindung zwischen Körper und Geist perfektionieren

Je länger Du an den richtigen Spieltechniken feilst, desto besser funktioniert diese Verbindung zwischen Körper und Geist. Zwischen Gedanken und Fingern. Denn je öfter Deine Finger den Klang, der Dir vorschwebt, bereits erzeugt haben, desto leichter fällt es Deinem Körper, Deine Vorstellung in die Tat umzusetzen. Darum ist es wichtig, in Deinen Übungssessions nicht nur ein schwieriges Stück nach dem anderen zu spielen. Sondern immer auch verhältnismäßig einfache Technikübungen durchzuführen (die in Wirklichkeit gar nicht einfach sind). Und auf die perfekte Umsetzung zu achten. Denn diese Techniken sind es, auf die Deine Finger auch im schwierigen Stück später zurückgreifen werden.

Tendenziell kann das Fühlen eines Stückes erst beginnen, wenn Du es technisch weitgehend beherrschst. Andererseits sind das keine zwei voneinander abgetrennten Schritte. Ein Stück, das Du nicht fühlst, wirst Du technisch nie beherrschen. Oder umgekehrt: Es hilft Dir, das Stück technisch zu beherrschen, wenn Du beginnst, es zu fühlen. Es kommt der Punkt, an dem Du das Stück technisch gut genug beherrschst, um zu beginnen, Dich beim Üben mehr auf Dein Gefühl als auf das Setzen der Finger zu konzentrieren.

Zwei parallel Herangehensweisen für den perfekten Klang

Wenn Du merkst, dass der Punkt gekommen ist, gibt es für die weiteren Übungssessions an diesem Stück zwei Herangehensweisen. Du solltest beide parallel durchführen. Einerseits die technische und klangmäßige Perfektionierung des Stücks. Sie besteht darin, bei jeder Stelle, die noch nicht hundertprozentig sitzt, die oben beschriebenen möglichen Fehler immer wieder durchzugehen und auszumerzen.

Und die gefühlsmäßige Perfektionierung des Stücks. Sie kommt dadurch zustande, dass Du es voller Mut und Energie spielst und fließen lässt. Die hoffentlich immer weniger werdenden technischen und Klang-Fehler für den Moment ignorierst und Dich hauptsächlich auf das große Ganze konzentrierst. An diesem Punkt angekommen zu sein, ist ungeheuer befriedigend. Denn hier beginnt die wahre Musik.

Titelbild von M. H. auf Pixabay.

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